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Spuren 89 | Dieter Martin: »Kein Laut unterbricht die ewige Stille, nur daß tief unten im Thal melancholisch ein Quell murmelt.“ Grimmelshausen und der Mummelsee

Ob Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der Verfasser des ›Simplicissimus Teutsch‹ von 1668, jemals persönlich am Mummelsee war, wissen wir nicht. Sicher ist aber, dass er den damals schwer zugänglichen See im Hochschwarzwald zu einem besonderen Ort der Literatur gemacht hat. Denn der Barockdichter lässt seinen Romanhelden so anschaulich und lebendig von seiner Mummelsee-Expedition erzählen, dass sich spätere Sagensammler wie die Brüder Grimm immer wieder auf den ›Simplicissimus‹ bezogen haben.

So genau die Mummelsee-Darstellung im ›Simplicissimus‹-Roman persönliches Erleben widerzuspiegeln scheint, so deutlich zeugt sie zugleich von den Erkundungen des Dichters in den Textwelten der barocken Naturkunde. Der Vergleich mit großen Kompendien der Zeit, wie sie die Jesuiten Caspar Schott und Athanasius Kircher vorgelegt haben, offenbart nämlich erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen dem vermeintlich ungebildeten Grimmelshausen und den Buchgelehrten seiner Epoche. Ja, der Romandichter überbietet die wissenschaftlichen Berichte der Zeitgenossen sogar noch. Denn sein Held lässt sich von den Wundern des Mummelsees – wie angedroht, lösen Steinwürfe ins Wasser prompt ein Gewitter aus – nicht schrecken, sondern geht der Sache buchstäblich auf den Grund. Unversehens wird er von den Bewohnern des Mummelsees in deren Unterwasserreich entrückt. Dort gelangt er zu tiefen Einsichten in die Schöpfungsordnung und lernt im Erdinneren ein utopisches Friedensreich kennen. Allerdings kann der Held die im Mummelsee gewonnenen Erkenntnisse an der Erdoberfläche nicht anwenden, sondern verschwendet einen mitgebrachten Wunderstein am falschen Ort.

Der Freiburger Germanist und Grimmelshausen-Kenner Dieter Martin klärt in den SPUREN 89 über die Hintergründe und Zusammenhänge von Simplicissimus’ Mummelsee-Abenteuer auf. Die Mummelsee-Episode, deren Nachwirkung bis in die Romantik skizziert wird, liest er als skeptische Reflexion des Barockdichters über den Menschen und seine wissenschaftliche Neugier.

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