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Spuren 90 | Thomas Schmidt: »Der Belche stoht verchohlt«. Johann Peter Hebel und der Belchen

Der Belchen, der eindrucksvollste aller Gipfel im Schwarzwald, ist in der Literaturgeschichte mehr als nur ein Nebenschauplatz. Diesen Berg hat Johann Peter Hebel im Jahr 1791 bestiegen, etliche Jahre bevor das Gebirgswandern sozial legitimiert und populär wurde. Die intensive Begegnung mit der unberührten Natur (mit Panoramablick von Straßburg bis zum Mont Blanc) verband sich für Hebel und den ihn begleitenden Friedrich Wilhelm Hitzig mit der ungewohnten leiblichen Extremerfahrung zu einem rauschhaften, quasireligiösen Erlebnis, das bei den beiden Freunden Zeit ihres Lebens weitergewirkt hat. Den Belchen wählte sich auch der von Hebel und Hitzig mitgegründete Proteuserbund zum „Altar“, der im Freundeskult der Zeit zwischen Göttinger Hain und Jenaer Frühromantikern angesiedelt war, sich aus Versatzstücken antiker Philosophie eine launische Weltanschauung mit einer Buchstaben verdrehenden Scherz- und Geheimsprache gab und die engstirnigen Bürger als „Schwabenhammel“ verspottete. Literarisch schlug sich die „Belchenwallfahrt“ in Hebels allerersten Versen, dem Hymnus Ekstase, nieder; insbesondere aber in seinem großen apokalyptischen Mundartgedicht ›Die Vergänglichkeit‹, einem in der deutschen Literaturgeschichte einzigartigen Gespräch über die letzten Dinge. Der Berg wird darin zum verbliebenen Orientierungspunkt nach dem Weltenbrand, und das Gespräch mit einem stets präsenten Freund spendet Trost im Angesicht der unabänderlichen Zerstörung alles Seienden. Letzthin reicht die auf dem Belchen in einer Übertretung sozialer und leiblicher Konventionen besiegelte Freundschaft sogar bis in den literarischen Kanon. Denn auch der von Hebel erfundene ›Rheinische Hausfreund‹, der seine Kalendergeschichten so erfolgreich machte, hat hier einen seiner Ursprünge.

Im neuen, reich bebilderten Heft der Marbacher SPUREN stellt Thomas Schmidt, Herausgeber der bibliophilen Reihe und im Hebeljahr 2010 für die Neukonzeption des Hebelhauses in Südbaden zuständig, den Belchen als Hebels Berg vor: als einen Berg der Vergänglichkeit und einen Berg der Freundschaft.

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